Neue Erkenntnisse aus der Forschung zeigen, wie sich dieses Risiko mit Pflanzen deutlich verringern lässt.
Viele verbinden Smog und Schadstoffe vor allem mit Auspuffen und Schornsteinen. Paradoxerweise sammeln sich jedoch in Wohnräumen, Büros oder Klassenzimmern häufig besonders viele Belastungen. Lacke, Möbel, Reinigungsprodukte, Raumdüfte, Heizungen, Zigarettenrauch oder Kochdämpfe setzen fortlaufend eine Mischung aus Gasen und Partikeln frei, die Innenraumluft über längere Zeit spürbar verschlechtert. Eine Untersuchung der Universität Sevilla liefert nun einen bemerkenswert eindeutigen Hinweis, wie sich diese Belastung mithilfe von Pflanzen drastisch reduzieren kann.
Wenn das Zuhause krank macht
Behörden bündeln Beschwerden durch schlechte Innenraumluft unter dem Begriff „Sick-Building-Syndrom“. Gemeint sind Symptome, die viele Menschen kennen, aber selten direkt mit Wohnung oder Arbeitsplatz in Verbindung bringen:
- anhaltende Müdigkeit trotz genug Schlaf
- Kopfschmerzen vor allem nach längerer Zeit im Raum
- Reizungen an Augen, Nase oder Hals
- Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren
- ein dumpfes, „stickiges“ Gefühl im Kopf
Vor allem in Neubauten oder frisch sanierten Gebäuden kommen zusätzliche Quellen hinzu: Ausgasungen aus Lacken, Teppichen, Holzwerkstoffen oder Klebstoffen. Zahlreiche dieser Stoffe zählen zu den sogenannten flüchtigen organischen Verbindungen (VOC). Sie sind in der Raumluft vorhanden, oft nicht wahrnehmbar und ohne deutlichen Geruch, können aber über Jahre hinweg aus Materialien entweichen.
„Innenräume können zwei bis fünfmal stärker belastet sein als die Außenluft – selbst in Städten mit viel Verkehr.“
Vor diesem Hintergrund suchte das Team der Universität Sevilla nach einer Lösung, die sich unkompliziert in bestehende Gebäude einfügt und ohne aufwendige Technik funktioniert.
Der Versuch mit der gläsernen Kammer
Für das Experiment errichteten die Forschenden einen abgeschlossenen Raum aus Glas. Darin installierten sie sogenannte Pflanzenwände: vertikale, dicht bepflanzte Flächen mit ausgewählten Zimmerpflanzen. Die Luft zirkulierte innerhalb des Systems, nach außen blieb der Versuchsraum jedoch hermetisch getrennt.
Anschließend brachten sie typische Innenraum-Schadstoffe in die Luft ein, darunter:
- Stickstoffdioxid (NO₂) – ein Reizgas, das etwa aus Gasherden oder von Abgasen stammt
- Schwefeldioxid (SO₂) – entsteht vor allem bei der Verbrennung fossiler Brennstoffe
- Formaldehyd – ein VOC, das häufig aus Möbeln, Spanplatten, Textilien oder Klebern entweicht
- Aceton – bekannt aus Nagellackentferner, aber auch in einigen Reinigern und Farben enthalten
Danach beobachtete das Team, wie sich die Konzentrationen dieser Stoffe im Zeitverlauf veränderten, während die Luft wiederholt an den Pflanzenwänden vorbeiströmte.
Bis zu 98 Prozent weniger Schadstoffe in nur 24 Stunden
Die Resultate fielen selbst für die Beteiligten überraschend deutlich aus. Nach einem Tag waren die meisten Schadstoffe nahezu nicht mehr nachweisbar.
„Je nach Schadstoff sanken die Werte innerhalb von 24 Stunden um 96 bis 98 Prozent.“
Auffällig war nicht nur die hohe Reduktion, sondern auch das Tempo. Bereits 15 Minuten nach dem Eintrag der Schadstoffe ging die Konzentration merklich zurück.
Die Auswertung zeigte: Schon nach 15 Minuten waren – je nach Substanz – ungefähr ein Viertel bis knapp die Hälfte der Belastung verschwunden. Für den Alltag heißt das: Pflanzenwände entfalten ihre Wirkung nicht nur langfristig, sondern können die Innenraumluft auch im Tagesverlauf spürbar verbessern.
Welche Pflanzen im Test besonders punkteten
Untersucht wurden fünf verbreitete Zimmerpflanzenarten, die sich grundsätzlich für vertikale Gärten eignen:
| Pflanzenart | Lateinischer Name | Auffällige Stärke im Versuch |
|---|---|---|
| Friedenslilie | Spathiphyllum wallisii | reduzierte Stickstoffdioxid innerhalb einer Stunde um rund 60 Prozent |
| Grünlilie | Chlorophytum comosum | baute Formaldehyd besonders schnell ab |
| Kletterfeige | Ficus pumila | allgemein gute Filterleistung für verschiedene Gase |
| Philodendron (rankend) | Philodendron scandens | universell einsetzbar, robuste Art für dichte Begrünung |
| Tradeskantie | Tradescantia zebrina | unterstützte den Abbau mehrerer VOCs |
Die Ergebnisse machten klar: Je nach Schadstoff unterscheiden sich die Stärken der Arten deutlich. Wie breit das Spektrum der gefilterten Stoffe ausfällt, hängt daher maßgeblich von der Kombination verschiedener Pflanzen ab.
„Eine klug zusammengestellte Mischung aus Pflanzenarten steigert die Wirkung der grünen Wand deutlich.“
Wie Pflanzen die Luft säubern
Dass Zimmerpflanzen Schadstoffe binden können, ist in der Forschung grundsätzlich bekannt. Die Studie aus Sevilla verdeutlicht jedoch sehr konkret, wie groß der Effekt ausfallen kann, wenn Pflanzen gezielt als Filtersystem genutzt werden.
Dabei wirken mehrere Mechanismen zusammen:
- Über winzige Spaltöffnungen nehmen Blätter Gase aus der Luft auf.
- Ein Teil der Stoffe setzt sich auf Oberflächen wie Blättern und Stängeln ab.
- Im Wurzelsubstrat leben Mikroorganismen, die bestimmte Schadstoffe abbauen.
- Durch die Luftzirkulation innerhalb der Pflanzenwand wird belastete Luft immer wieder an den aktiven Flächen vorbeigeführt.
In dieser Kombination werden vertikale Gärten zu einer Art natürlichem Luftfilter, der ohne Filterwechsel und ohne komplexe Technik auskommt. Natürlich braucht auch ein solcher „Bio-Filter“ Wasser, Pflege und gelegentlich einen Rückschnitt – Wegwerf-Filterkartuschen sind jedoch nicht nötig.
Kein Ersatz für Lüftung – aber starke Ergänzung
Die Forschenden betonen, dass Pflanzenwände klassische Lüftungs- und Filtersysteme nicht ersetzen. Sie verstehen Begrünung vielmehr als zusätzliche Säule für gesunde Gebäude.
„Pflanzenwände ersetzen nicht das Stoßlüften oder eine gute Lüftungsanlage – sie senken die Restbelastung und verbessern das Raumklima spürbar.“
Einsetzbar sind solche Systeme in vielen Umgebungen, etwa:
- Büros und Großraumbüros mit Klimaanlage
- Schulen und Kitas, in denen Lüften schwierig ist
- Wohnungen an stark befahrenen Straßen
- Arztpraxen, Wartezimmer, Fitnessstudios
- Hotels, Restaurants und Einkaufszentren
Gerade dort, wo viele Menschen über Stunden zusammen sind, kann die kontinuierliche Reinigung die Belastung senken. Zusätzlich kommt ein psychologischer Nutzen hinzu: Pflanzen reduzieren nachweislich Stress und fördern das Wohlbefinden.
Was das für private Haushalte bedeutet
Im Versuch kamen professionell geplante, sehr dicht bepflanzte Pflanzenwände zum Einsatz. Trotzdem lassen sich daraus auch Anhaltspunkte für normale Haushalte ableiten. Wer weder Platz noch Budget für eine komplette Anlage hat, kann mit einer „Mini-Pflanzenwand“ starten – etwa über ein Regal, das mit geeigneten Pflanzen gut bestückt ist.
Praktisch sind vor allem robuste Arten mit viel Blattmasse, die sich in Innenräumen bewähren, zum Beispiel:
- Friedenslilie
- Grünlilie
- Efeutute und andere rankende Philodendren
- Kletterfeige
- verschiedene Farnarten
Wichtig ist, mehrere Pflanzen zu kombinieren und sie nicht im Raum zu verteilen, sondern gebündelt dort zu platzieren, wo Luft vorbeistreicht – etwa in Fensternähe oder in der Nähe einer Tür.
Risiken und Grenzen im Blick behalten
So überzeugend der Ansatz klingt: Bewohnerinnen, Bewohner und Planende sollten einige Einschränkungen berücksichtigen:
- Menschen mit starker Pollen- oder Schimmelallergie können auf bestimmte Arten empfindlich reagieren.
- Falsches Gießen begünstigt Schimmel im Substrat – dann kehrt sich der Effekt ins Negative um.
- Sehr kleine Kinder oder Haustiere knabbern häufig an Blättern; manche Zimmerpflanzen sind leicht giftig.
- In dunklen Räumen benötigen viele Arten zusätzliche Pflanzenlampen.
Wer eine größere Pflanzenwand umsetzen möchte, sollte daher Fachleute hinzuziehen. Sie helfen bei der Auswahl geeigneter Arten, planen Bewässerung und Beleuchtung und achten auf eine Konstruktion, die hygienisch zu reinigen ist.
Warum das Thema langfristig an Bedeutung gewinnt
Um Energie zu sparen, werden Gebäude zunehmend dichter gebaut. Fenster bleiben öfter geschlossen, und Klimaanlagen regeln die Luftzufuhr. Dadurch wächst automatisch der Stellenwert jeder Maßnahme, die die Innenraumluft verbessert.
Pflanzenwände vereinen dabei mehrere Pluspunkte: Sie senken Schadstoffe, dämpfen Geräusche, beeinflussen die Luftfeuchtigkeit leicht und werten Räume optisch auf. In Verbindung mit moderner Sensorik zur Messung von Luftwerten sind zudem Systeme denkbar, die ihre Luftzirkulation anpassen, sobald bestimmte Grenzwerte überschritten werden.
Für Städte mit vielen Neubauten ebenso wie mit sanierungsbedürftigem Bestand könnte vertikale Innenraumbegrünung zu einem Baustein moderner Gesundheitsvorsorge werden – nicht als Allheilmittel, sondern als greifbare, lebendige Ergänzung zu Technik und zu Verhaltensregeln wie regelmäßigem Lüften sowie dem Verzicht auf unnötige Duft- oder Reinigungsmittel.
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