In französischen Werkstätten und winzigen Ateliers entscheidet sich eine neue Generation leise für Stechbeitel, Hammer und Nadel – und gegen Laptop und Hörsaal.
Abseits von Tech-Campus und Business-School schlagen sich junge Leute mit sehr guten Noten – oder mit den Narben ihrer Schulzeit – in Richtung Handwerk durch. Sie zeigen damit: Ein „guter Job“ braucht weder Drehstuhl noch Firmenausweis.
Von Instagram zum Buntglas: wenn Hände zum Beruf werden
Mit 26 hat Arnault auf Instagram mehr als 122.000 Follower. In seinem Feed geht es weder um Tech-Tricks noch um Lifestyle-Ratschläge, sondern um massgeschneiderte zeitgenössische Glasmalerei.
Aufgewachsen ist er in Moulins in Zentralfrankreich – mit einer Mutter, die als Designerin arbeitet, und einem Vater, der Künstler ist. Schon früh sah er sich in einem Leben, das von Handarbeit geprägt ist. Den entscheidenden Impuls bekam er im Studium der angewandten Künste, als er zum ersten Mal mit Glas arbeitete.
„Für ihn vereint Glasmalerei Zeichnen, Gestaltung, technische Fertigkeit, den Kontakt mit Kundinnen und Kunden und den Nervenkitzel, ein Werk in einem echten Gebäude eingebaut zu sehen.“
Arnault entwirft Skizzen, verhandelt Aufträge, schneidet Glas, setzt die Elemente zu Feldern zusammen – und erlebt später, wie Licht durch seine Arbeiten in Wohnungen und öffentlichen Räumen fällt. Er sagt, er rutsche nie in stumpfe Routine ab; genau vor dieser Monotonie hätten heute viele Büroangestellte Angst.
„Eine andere Art zu zeichnen“: wenn Kunst zu Metall und Leder wird
Anaëlle, 23, hat sich für Metallgravur entschieden. Als Kind zeichnete sie ununterbrochen, wollte aber nicht, dass Zeichnen sich wie Pflicht anfühlt. Nach dem Schulabschluss ging sie an eine renommierte Pariser Schule für angewandte Künste und Handwerk in die Metallabteilung und bildete sich später in Belgien im Bereich Waffengravur weiter.
Für sie bleibt Gravieren Zeichnen – nur mit höherem Einsatz: Ist die Linie einmal ins Metall geschnitten, lässt sie sich nicht zurücknehmen. Sie beschreibt die Freude daran, eine Skizze in Gewicht, Volumen und Glanz zu übersetzen.
„Ihr gefällt der Gedanke, dass eine einfache Handbewegung aus einer ebenen Fläche ein Unikat machen kann, das vielleicht ein Jahrhundert überdauert.“
Ihre Arbeiten liegen dort, wo Luxus, Kulturerbe und bildende Kunst sich treffen – eine Kombination, die junge Kundschaft und Sammlerinnen und Sammler anzieht, die genug von austauschbarer Industrieproduktion haben.
Alte Berufe, neuer Appetit
Die einzelnen Biografien gehören zu einer grösseren Entwicklung: einem vorsichtigen Comeback sogenannter „alter“ Berufe. Soziologinnen und Soziologen betonen zwar, dass es keine Flutwelle sei – trotzdem seien Verschiebungen klar erkennbar.
Zahlen der französischen Handwerkskammern zeigen, dass Berufe, die schon als bedroht galten, plötzlich wieder Dutzende Auszubildende anziehen. Die Küferei, vor wenigen Jahren fast unsichtbar, stieg innerhalb von zwei Jahren von null auf über 30 Lehrlinge. Auch Schuhmacherei und Schuhreparatur ziehen wieder an. Hufschmiede – Fachleute, die Pferde beschlagen – verzeichnen in kurzer Zeit ein Vielfaches an Nachwuchs.
- Küferei: von 0 auf 30+ Auszubildende in zwei Jahren
- Schuhreparatur (Schusterei): von 0 Bewerberinnen und Bewerbern 2020–21 auf rund 30 vier Jahre später
- Hufschmiede: Zahl der Auszubildenden landesweit zwischen 2020 und 2025 auf mehr als das Siebenfache gestiegen
Das passiert ausgerechnet in einer Phase, in der sich die öffentliche Debatte vor allem um KI, Programmieren und Remote Work dreht. Viele Jugendliche verfolgen diese Diskussionen – und gehen mitunter bewusst in die entgegengesetzte Richtung.
Der emotionale Funke: Rauch, Gerüche und ein Klick im Kopf
Bei vielen beginnt die Entscheidung mit einem Sinneseindruck, der einschlägt. Alban, heute 21, ritt als Teenager. Mit 12 sah er erstmals, wie ein Hufschmied ein Pferd mit heissem Metall beschlug. Der Geruch von verbranntem Huf, der Rauch und das Hämmern auf dem Amboss blieben bei ihm.
In diesem Moment dachte er: „Das will ich machen.“ Pferde und geschmiedetes Metall passten für ihn sofort zusammen. Zu sehen, wie sich Rohmaterial im Feuer erweicht und unter Schlägen formt, zog ihn in einen Beruf, dessen Namen kaum jemand in seiner Klasse kannte.
Bei Laurie, heute 36 und professionelle Buchbinderin sowie Marmorpapier-Künstlerin, war der Auslöser ein Tag der offenen Tür. Sie lief stundenlang durch eine spezialisierte Pariser Hochschule für Buchkunst, nahm das schwere Gerät wahr, den Leimgeruch und den Takt der Pressen in der Buchbinderei.
„An diesem Nachmittag begriff sie, dass sich ein Leben um Papier, Faden und Farbe bauen lässt – statt um Aufsätze und Prüfungen.“
Sie meldete sich in der 10. Klasse für angewandte Künste an und kehrte dem klassischen akademischen Weg den Rücken.
Eine zweite Chance für alle, die die Schule gezeichnet hat
Laurie bezeichnet sich selbst als „nicht besonders akademisch“. Bildende Kunst, Schreiben und Geschichte lagen ihr, doch in einem System, das lange Aufsätze und fehlerfreie Rechtschreibung belohnt, fand sie schwer ihren Platz.
Für manche wird ein Handwerksberuf zur stillen Revanche auf belastende Schuljahre. Der Soziologe Marc Loriol betont, dass körperliche Arbeit jenen, die als schwach, faul oder „nicht klug genug“ abgestempelt wurden, ein Gefühl von Kompetenz zurückgeben kann.
Margaux, die zur Massschuhmacherin und Stiefelmacherin ausgebildet wird, erinnert sich an einen Satz aus der Grundschule: „Du bist dumm und wirst nie etwas aus deinem Leben machen.“ Sie ist Legasthenikerin und hat Mühe mit Rechtschreibung; dieser Satz blieb in ihrem Kopf hängen.
„Später, als sie endlich ein Handwerk fand, das zu ihr passte, schossen ihre Noten nach oben, und sie beendete die Sekundarstufe nahe an der Spitze ihrer Klasse.“
Sie bestand ein naturwissenschaftliches Baccalauréat mit Bestnoten – und widerlegte damit das frühe Urteil. Entscheidend war die Motivation: Als Schuhmacherei ihr Ziel wurde, ergaben Mathematik und Physik plötzlich Sinn, weil sie für Schnittkonstruktion und Biomechanik wichtig sind.
Überflieger, die sichere Laufbahnen verlassen
Nicht alle angehenden Handwerkerinnen und Handwerker waren in der Schule schwach. Souane, 23, hatte eine nahezu makellose Schullaufbahn: ein Schnitt über 16/20 und die Bestnote in den naturwissenschaftlichen Abschlussprüfungen. Lehrkräfte drängten sie in Richtung Ingenieurwesen oder Medizin, Freundinnen und Freunde erwarteten, dass sie an der Uni bleibt.
Trotzdem fühlte sie sich nach dem Schulende orientierungslos. Naturwissenschaften mochte sie, gleichzeitig nähte sie an Wochenenden, restaurierte alte Möbel und bastelte. Ein kurzes Praktikum in einer Polsterwerkstatt für Möbel stellte dann alles auf den Kopf.
Zwischen schweren Stoffen, antiken Stühlen und konzentrierter Stille fühlte sie sich auf einmal gebraucht. Sie konnte Dinge reparieren, an denen Erinnerungen hängen – statt lediglich eine weitere Datei auf einem Server zu erzeugen.
KI-Angst und die Suche nach etwas, das bleibt
Ihre Entscheidungen lassen sich kaum von den grossen Veränderungen der Arbeitswelt trennen. Seit den 1980er-Jahren ist Jobsicherheit in vielen Branchen brüchiger geworden: Verträge werden kürzer, Reformen kommen im Dauerlauf, und Beschäftigte müssen sich oft weiterqualifizieren, um ihre Stelle zu behalten. Viele haben das Gefühl, für ihre tatsächlichen Aufgaben überqualifiziert zu sein.
Mit dem Aufstieg der künstlichen Intelligenz kommt eine weitere Unsicherheit hinzu. Jugendliche und Studierende lesen Schlagzeilen darüber, wie KI Berichte schreibt, juristische Dokumente durchsucht oder medizinische Daten auswertet. Gleichzeitig hören sie Führungskräfte über Automatisierung sprechen – ruhig, aber latent bedrohlich.
„Für manche wirkt das Beherrschen einer greifbaren Fähigkeit – Nähen, Schmieden, Gravieren, Binden – wie ein Schutzschild gegen Software-Updates und Umstrukturierungspläne.“
Marc Blanchard, Ausbildungsleiter der traditionsreichen Vereinigung „Compagnons du Devoir“, beobachtet, dass junge Auszubildende oft sagen, sie vertrauten einer Zukunft des Herstellens, Reparierens und Gestaltens mehr als einer Zukunft vor dem Bildschirm.
Anaëlle formuliert es nüchtern: Ein Laser kann Metall schnell und exakt gravieren, doch ihm fehlt künstlerischer Instinkt und Absicht. Bezahlt werde am Ende die Hand – nicht nur die Spur.
Handwerk und Technik: keine Feinde, eher unbequeme Kolleginnen
Wer einen „alten“ Beruf wählt, sagt damit nicht automatisch der Technik ab. Alban erklärt, dass sich das Hufbeschlag-Handwerk in wenigen Jahrzehnten stark verändert hat. Früher wurden Standardhufeisen in der Werkstatt vorbereitet; heute passen Hufschmiede vieles direkt vor Ort an und können einen Huf sogar mit einer Smartphone-App scannen.
Einige Beschläge bestehen aus Kunststoff oder Aluminium statt aus Eisen und werden auf bestimmte Krankheitsbilder zugeschnitten. Diagnostik, 3D-Scans und neue Materialien fliessen in einen Beruf ein, der dennoch Muskelkraft und sehr präzises Urteil verlangt.
Andere junge Handwerkerinnen und Handwerker verbinden traditionelle Verfahren mit Umweltansprüchen. Eine Lederhandwerkerin, die in der Ausbildung erwähnt wird, fertigte ihr Abschlussprojekt vollständig aus Lederresten aus einer Fabrik. Sie setzte alles ohne chemischen Klebstoff zusammen, nutzte stattdessen Handnähte und mechanische Verbindungen – mit Blick auf spätere Reparatur und Recycling.
Der Preis der Freiheit: wenig Geld, unsichere Anfänge
Das romantische Bild vom Handwerk verdeckt die harten Rahmenbedingungen. In Bereichen wie Schuhwerk ist viel industrielles Know-how ins Ausland abgewandert. Für jemanden wie Margaux gibt es deshalb nur wenige Festanstellungen; die Selbstständigkeit ist häufig der einzig realistische Weg.
Der Einstieg bedeutet nach einer grundlegenden handwerklichen Qualifikation oft Einkommen auf Mindestlohnniveau. Viele Absolventinnen und Absolventen halten sich mit Teilzeitstellen, Abendschichten oder Wochenendjobs im Einzelhandel über Wasser, um die eigene Werkstatt zu finanzieren.
Laurie stellte sich darauf ein. Fünf Jahre lang hangelte sie sich durch befristete Jobs, während sie parallel einen kleinen Kundenstamm für Buchbinderei und Marmorpapier aufbaute. Der Durchbruch kam 2017: Ein grosses Pariser Kaufhaus bot ihr für drei Monate eine eigene „Corner“-Fläche im Geschäft an.
„Diese Sichtbarkeit machte aus ihrer kleinen Praxis ein tragfähiges Geschäft – allerdings erst nach Jahren von Opfern, die in Social-Media-Feeds selten auftauchen.“
Was junge Handwerkerinnen und Handwerker als Gewinn beschreiben
| Aspekt | Was sie daran anzieht |
|---|---|
| Sinn | Ein fertiges Objekt und zufriedene Kundschaft zu sehen – nicht nur eine Datei per E-Mail zu verschicken |
| Autonomie | Ein kleines Unternehmen gründen, Projekte auswählen, eigene Qualitätsmassstäbe setzen |
| Stabilität | Fähigkeiten, die weniger anfällig für KI und Auslagerung sind und in lokalen Bedürfnissen verankert bleiben |
| Identität | Stolz auf ein unverwechselbares Handwerk, oft verbunden mit Tradition und Region |
Wie ein Teenager realistisch in einen Handwerksberuf wechseln kann
Für Eltern und Jugendliche ausserhalb Frankreichs sind die Wege unterschiedlich, doch in den Geschichten tauchen ähnliche Muster auf. Die meisten dieser jungen Handwerkerinnen und Handwerker haben:
- ihr Interesse über kurze Praktika oder Tage der offenen Tür getestet
- Schule mit Abendkursen, Kursen im Handwerk oder Hobbys kombiniert
- eine Phase niedrigen Einkommens akzeptiert, während sie ihre Fertigkeiten ausgebaut haben
- soziale Medien genutzt, um Arbeiten zu zeigen und Kundschaft zu erreichen
Ein realistisches Beispiel für eine 17-jährige Person, die gern zeichnet, aber lange Vorlesungen hasst, könnte so aussehen: die Sekundarstufe abschliessen; eine berufliche Ausbildung in Metall, Glas, Holz oder Textil beginnen; eine Lehrstelle in einer kleinen Werkstatt finden; und ergänzend einen grundlegenden Kurs zu Unternehmensführung belegen, um Selbstständigkeit vorzubereiten.
In englischsprachigen Ländern kann das etwa über Berufscolleges, gewerkschaftlich organisierte Apprenticeships oder Mischmodelle laufen, bei denen zwei bis drei Tage pro Woche im Betrieb und der Rest im Unterricht stattfinden. Entscheidend ist der Kontakt zu echten Materialien und echten Deadlines – nicht nur Simulation im Klassenzimmer.
Begriffe und Realitäten, die man auseinandernehmen sollte
Der Ausdruck „Artisan“ kann missverständlich sein. In vielen europäischen Ländern meint er eine Person, die ihre Produkte oder Dienstleistungen herstellt und oft auch selbst verkauft – meist in kleinen Stückzahlen und häufig in Handarbeit. Das ist Handwerk, aber oft zugleich Kleinstunternehmertum: Buchhaltung, Marketing und Kundenservice kommen zur technischen Arbeit obendrauf.
Auch „Ausbildung“ beziehungsweise „Lehre“ verdient genaues Hinsehen. In diesen Berufen ist ein Lehrling in der Regel eine bezahlte Lernkraft, die einen Teil der Woche im Betrieb und einen Teil in einem Ausbildungszentrum verbringt. Die Vergütung liegt unter dem Lohn einer regulären Fachkraft, dafür gibt es Praxis und einen anerkannten Abschluss. Das unterscheidet sich klar von unbezahlten Praktika, die viele junge Absolventinnen und Absolventen inzwischen ablehnen.
Risiken, Abwägungen und hybride Zukunftsmodelle
Die Wahl eines traditionellen Berufs bringt offensichtliche Risiken mit sich. Einkommen bleibt unsicher. Verletzungen und körperliche Erschöpfung können früh auftreten – besonders dort, wo schwere Lasten, monotone Bewegungen oder ungünstige Körperhaltungen dazugehören. Und in wirtschaftlich schwachen Phasen trifft es Luxusgewerke zuerst, weil Kundinnen und Kunden nicht dringende Restaurierungen oder Massanfertigungen verschieben.
Viele, die langfristig bestehen, entwickeln deshalb hybride Erwerbsmodelle. Ein Glasmaler kann seine Woche zwischen Kirchenrestaurierungen, zeitgenössischen Aufträgen und Kursen aufteilen. Eine Buchbinderin arbeitet vielleicht an einigen Tagen im Monat in einem Museumsatelier und betreibt daneben einen Online-Shop für handgefertigte Notizbücher. Mehrere Einkommensquellen helfen, die Fragilität jeder einzelnen zu mildern.
Was in diesen Geschichten im Moment jedoch am stärksten hervorsticht, ist weniger finanzielle Absicherung als eine hartnäckige, fast stille Zuversicht. Vielen wurde gesagt, sie seien zu schwach, zu klug, zu sensibel oder zu „akademisch“ für Handarbeit. Sie haben es trotzdem gewählt – und in dem Gewicht der Werkzeuge und der Geduld der Handgriffe eine andere Definition von Erfolg gefunden.
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