Nahe dem Gelben Fluss wirkt die Fundserie auf den ersten Blick unspektakulär. Doch hinter den abgesplitterten Stücken aus Feuerstein und Quarzit verbirgt sich ein technologischer Sprung, den in diesem Teil des eiszeitlichen Asiens kaum jemand erwartet hätte: die bislang ältesten gesicherten Kompositwerkzeuge in Ostasien, teils bis zu 160.000 Jahre alt – und ein offenes Rätsel, welche frühen Menschen sie tatsächlich hergestellt haben.
Alte Werkzeuge, moderne Fragen
Der Fundplatz Xigou in der chinesischen Provinz Henan wurde zwischen 2019 und 2021 ausgegraben. Dabei barg das Team mehr als 2.600 Steinartefakte, eingebettet in alte Sedimente.
Viele Stücke sind so klein, dass sie auf eine Fingerspitze passen – oft unter 50 Millimeter Länge. Unter dem Mikroskop zeigen sie jedoch, wie viel Planung und handwerkliche Kontrolle in ihnen steckt.
„Mikroskopische Abnutzung an den Steinkanten zeigt, dass einige Stücke auf Holzschäfte oder -griffe montiert und anschließend mit einer drehenden, bohrenden Bewegung genutzt wurden.“
Erst die Verbindung von Stein und Holz macht aus einer einfachen Schneide ein Kompositwerkzeug. Die Studie zu den Funden, veröffentlicht am 27. Januar in Nature Communications, argumentiert, dass Xigou die früheste belastbare Evidenz für diese Technik in Ostasien liefert.
Kompositwerkzeuge gelten als wichtiger Schritt menschlicher Erfindungskraft. Wenn eine scharfe Steinkante an einem Griff befestigt wird, steigen Reichweite, Hebelwirkung und Kraftübertragung. Das ermöglicht tiefere Schnitte, sauberere Löcher und insgesamt deutlich effizienteres Arbeiten bei vergleichbarem Aufwand.
Wofür die Werkzeuge tatsächlich eingesetzt wurden
Die mikroskopische Untersuchung der Schneidkanten zeigt charakteristische Politur und feine Riefen. Diese Spuren passen zu wiederholtem Kontakt mit weichem Pflanzenmaterial – vor allem mit Holz und Schilf.
Mögliche Anwendungen umfassen:
- Löcher in Holz oder Schilfstängel bohren bzw. durchstoßen
- Holzschäfte, Griffe oder Rahmen formen
- Pflanzenfasern für Bindungen oder Flechtarbeiten bearbeiten
- Möglicherweise Tierhäute verarbeiten, auch wenn die Belege dafür seltener sind
Die Forschenden unterschieden mehrere Werkzeugtypen, darunter Bohrer, Stichel und bifazial bearbeitete Stücke. Einige Spitzen weisen spiralförmige Abnutzung auf, wie winzige Korkenzieher – ein Muster, das gut zu einer rotierenden, von Hand angetriebenen Bohrtechnik passt.
„Das sind keine groben ‘draufhauen-und-mitnehmen’-Steine; es sind maßgeschneiderte Instrumente, jedes Teil einer mehrstufigen Herstellungskette.“
Bis ein solches Werkzeug einsatzbereit war, waren mehrere Schritte nötig: passendes Rohmaterial auswählen, den Stein gezielt formen, einen Holzgriff vorbereiten, beides verbinden – vermutlich mit Umwicklungen oder pflanzenbasierten Klebstoffen – und das Werkzeug anschließend nutzen sowie nachschärfen bzw. instand halten.
Eine Zeitachse bis vor 160.000 Jahren
Die Sedimente von Xigou decken einen langen Zeitraum ab, ungefähr von 160.000 bis 72.000 Jahren vor heute. Damit fallen die Funde in kalte und wärmere Phasen des Pleistozäns, als Eiszeitzyklen Landschaften in ganz Eurasien umgestalteten.
Aus den werkzeugführenden Schichten lassen sich bislang keine menschlichen Knochen oder Tierreste eindeutig zuordnen. Dass die Menschen hier jagten und sammelten, gilt als wahrscheinlich – ohne Feuerstellenabfälle oder zerlegte Skelette bleibt der konkrete Alltag jedoch schwer greifbar.
Trotzdem deutet das Inventar auf Anpassungsfähigkeit hin. Nach Ansicht der Paläoanthropologin Shi-Xia Yang sprechen die Artefakte für Gemeinschaften, die ihre Technik an wechselnde Klimabedingungen und lokale Ressourcen anpassen konnten, statt sich auf eine einzige, starre Vorgehensweise zu verlassen.
Wer hat diese Werkzeuge hergestellt?
An dieser Stelle wird aus Technikgeschichte Detektivarbeit. Für die Zeit, in der Xigou genutzt wurde, kommen in Ostasien mehrere Homininen-Arten in Betracht.
| Kandidatenart | Warum sie in Betracht gezogen wird |
|---|---|
| Denisova-Menschen | In Asien durch genetische Spuren belegt; vermutlich weit verbreitet, fossil aber schlecht dokumentiert. |
| Homo longi | Vorgeschlagene Art auf Basis von Schädeln aus Nordostchina; potenziell auch in der weiteren Region vertreten. |
| Homo juluensis | Auf fragmentarischen Fossilien basierend; steht für eine weitere mögliche archaische Population in China. |
| Homo sapiens | Unsere eigene Art, in Ostasien an einigen Fundplätzen spätestens vor 80.000–100.000 Jahren nachgewiesen. |
Ohne DNA oder zugehörige Skelette lässt sich die Werkzeugproduktion derzeit keiner Art sicher zuschreiben. Co-Autor Ben Marwick betont, dass erst künftige Funde – Fossilien, die direkt mit ähnlichen Werkzeugen verknüpft sind, oder altes genetisches Material vom Fundplatz – die Frage klären können.
„Im Moment liegt der Werkzeugkasten von Xigou da wie ein unterschriebener Brief ohne Namen am Ende: Die Handschrift ist klar, der Autor nicht.“
Warum das die Vorgeschichte Asiens neu einordnet
Über Jahrzehnte hinweg dachten Archäologinnen und Archäologen in einer gedanklichen Trennlinie, der sogenannten Movius-Linie, die grob von Nordindien bis nach Südostasien verläuft. Westlich davon galten Afrika und Westeurasien als Zentren der Innovation: große Handäxte, aufwendige Steintechniken und später komplexe Kompositwaffen.
Östlich der Linie fanden sich an frühen Fundstellen dagegen häufig eher einfache Abschläge und Kerne. Daraus entstand die hartnäckige Vorstellung, Gruppen in Ostasien seien über weite Teile des Pleistozäns „technologisch konservativ“ gewesen.
Die Befunde aus Xigou treffen diese Annahme empfindlich. Zwar sind die Stücke klein und wirken optisch unscheinbar, doch Herstellung und Nutzung belegen Überlegung, Vorausschau und ein Verständnis für mechanische Vorteile.
„Der Anthropologe John Shea argumentiert seit Langem, dass einfach aussehende Werkzeuge nicht gleich einfache Köpfe bedeuten – und Xigou liefert nun ein klares Beispiel dafür.“
Die Archäologin Anne Ford weist darauf hin, dass Schäftung – also das Befestigen eines Werkzeugs an einem Griff – fortgeschrittene Planung erfordert. Man muss sich die spätere Nutzung vorstellen, jedes Teil passend vorbereiten und die Komponenten in der richtigen Reihenfolge zusammenfügen. Eine solche mentale „Probe“ deutet auf kognitive Fähigkeiten hin, die näher an denen früher moderner Menschen liegen, selbst wenn die Hersteller einer anderen Art angehört haben sollten.
Wie Forschende rekonstruieren, wozu ein Werkzeug diente
Um ein 160.000 Jahre altes Werkzeuginventar zu verstehen, reicht es nicht, nur auf Formen zu schauen. Fachleute der Gebrauchsspurenanalyse stellen urzeitliche Tätigkeiten mit Replikaten nach und vergleichen anschließend mikroskopische Kratzer und Politur mit den Spuren an archäologischen Originalen.
In Xigou ergaben Experimente mit Steinbohrern und Materialien wie Holz oder Schilf Abnutzungsmuster, die zu den antiken Artefakten passen. Das stärkt das Vertrauen, dass die Funktionsdeutung nicht bloß Spekulation ist.
Eine weitere zentrale Methode ist die Analyse der „Chaîne opératoire“ – ein französischer Begriff für die vollständige Handlungsabfolge vom Rohmaterial bis zum weggeworfenen Objekt. Wenn jeder Schritt kartiert wird, lässt sich abschätzen, wie viel Planung und Können eine Technik verlangt.
Was das über frühe menschliche Köpfe verrät
Kompositwerkzeuge liegen an der Schnittstelle mehrerer Fähigkeiten: abstraktes Denken, feinmotorische Kontrolle und soziales Lernen.
- Man muss sich ein Werkzeug vorstellen, das noch nicht existiert.
- Unterschiedliche Materialien müssen koordiniert werden – Stein, Holz, Bindungen, möglicherweise auch Klebstoff.
- Die Schritte werden wahrscheinlich durch Beobachten anderer und wiederholtes Üben erlernt.
Das spricht dafür, dass die Bewohnerinnen und Bewohner von Xigou Wissen über Generationen teilten. Vorstellbar ist, dass Mentorinnen und Mentoren sowie Lernende am Feuer zusammen Steinklingen formten und Holzschäfte bearbeiteten – und dabei Kniffe weitergaben, etwa wie der Winkel genau stimmen muss oder wie eine Umwicklung so fest sitzt, dass sie nicht verrutscht.
Wichtige Begriffe, nach denen viele Leserinnen und Leser fragen
Was bedeutet „Hominine“?
Der Begriff „Hominine“ umfasst Menschen und unsere nächsten ausgestorbenen Verwandten nach der Abspaltung von der Schimpansenlinie. Dazu zählen Arten wie Neandertaler, Denisova-Menschen und frühere Formen wie Homo erectus. Alle Homininen gingen aufrecht und teilten bestimmte anatomische Merkmale, unterschieden sich aber stark in Gehirngröße, Verhalten und Kultur.
Was gilt in diesem Kontext als „Art“?
Bei heute lebenden Tieren wird eine Art oft als eine Gruppe definiert, die sich untereinander fortpflanzen und fruchtbare Nachkommen bekommen kann. Bei Fossilien stützen sich Forschende auf Knochenformen, Schädelmaße und – wenn vorhanden – alte DNA. Die Grenze zwischen Arten kann unscharf sein, besonders wenn verschiedene Homininen sich vermischten, wie Denisova- und Neandertaler-Gene im Erbgut heutiger Menschen zeigen.
Was das für künftige Grabungen in Asien bedeutet
Der Werkzeugsatz von Xigou deutet an, dass andere ostasiatische Fundstellen unterschätzt worden sein könnten. Sammlungen aus kleinen, schlicht wirkenden Steinen in Museumsdepots könnten ebenso komplexe Techniken verbergen, die nie unter dem Mikroskop geprüft wurden.
Künftige Projekte dürften daher stärker auf Mikroschadenspuren, Rückstandsanalysen zum Nachweis von Holz-, Pflanzenfaser- oder Blutresten sowie auf sorgfältige Suchen nach erhaltenen Holzbestandteilen in gut abgedichteten Sedimenten setzen.
Zudem wächst das Interesse daran, wie solche uralten Technologien Landschaften beeinflusst haben könnten. Kompositwerkzeuge zum Bohren und Schneiden von Holz könnten entscheidend gewesen sein, um Unterkünfte zu bauen, essbare Wurzeln auszugraben oder Jagdausrüstung herzustellen – und damit Ökosysteme subtil zu verändern, lange bevor Ackerbau einsetzte.
Ein Gedankenexperiment: Leben mit einem geschäfteten Werkzeug
Stellen Sie sich zwei Jagdgruppen vor 150.000 Jahren vor, beide konfrontiert mit einem Kälteeinbruch und schrumpfenden Wildbeständen. Die eine Gruppe führt nur ungeschäftete Steinabschläge mit; die andere verfügt über geschäftete Bohrer und Schneidwerkzeuge.
Die zweite Gruppe kann Holzgefäße aushöhlen, Speerschäfte schneller reparieren und festere Bindungen für Fallen herstellen. Mit der Zeit können solche kleinen Effizienzgewinne zu besseren Überlebenschancen für Kinder und zu weniger Verletzungen bei Erwachsenen beitragen.
Aus evolutionärer Sicht kann dieser Vorsprung ins Gewicht fallen. Er zeigt, dass selbst unscheinbar wirkende technische Veränderungen – wie das Hinzufügen eines Holzgriffs – Auswirkungen auf Verhalten, Überleben und schließlich auch auf die genetische Geschichte einer Region haben können.
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