Wenn Ihre Hausärztin oder Ihr Hausarzt Sie bittet, die Zunge herauszustrecken und „aaah“ zu sagen, geht es nicht nur um den Blick in den Rachen. Dabei wird auch Ihre Zunge begutachtet – und die kann erstaunlich viel über Ihren Gesundheitszustand verraten.
Achten wird die Ärztin oder der Arzt unter anderem darauf, ob sich die Oberfläche verändert hat oder ob die Zunge sich anders bewegt als üblich. Solche Hinweise können sowohl auf Probleme direkt im Mundraum als auch auf Ihren allgemeinen Gesundheitszustand und Ihre Immunabwehr hindeuten.
Sie müssen dafür jedoch nicht erst einen Termin abwarten: Wenn Sie Ihre Zunge zweimal täglich reinigen, sehen und spüren Sie selbst, ob sich etwas verändert – und zugleich lässt sich damit Mundgeruch reduzieren.
Wie sieht eine gesunde Zunge aus?
Die Zunge ist zentral fürs Essen, Sprechen und viele weitere wichtige Funktionen. Sie besteht nicht aus „einem“ Muskel, sondern ist ein muskuläres Organ aus acht Muskelpaaren, die ihre Beweglichkeit ermöglichen.
Ihre Oberfläche ist von winzigen Erhebungen bedeckt, die man sehen und fühlen kann: den Papillen. Sie sorgen für die typische raue Struktur.
Papillen werden häufig mit Geschmacksknospen verwechselt – sind aber nicht dasselbe. Von Ihren 200.000–300.000 Papillen trägt nur ein kleiner Teil Geschmacksknospen. Erwachsene haben bis zu 10.000 Geschmacksknospen; sie sind mit bloßem Auge nicht zu erkennen und liegen vor allem an der Zungenspitze, an den Seiten und im hinteren Bereich.
Eine gesunde Zunge ist rosa, wobei der Farbton individuell unterschiedlich sein kann – von eher dunkel- bis eher hellrosa.
Ein leichter weißlicher Belag kann normal sein. Deutlichere Veränderungen oder Verfärbungen können jedoch auf eine Erkrankung oder andere Probleme hinweisen.
Wie sollte ich meine Zunge reinigen?
Für die Zungenreinigung brauchen Sie meist nur etwa 10–15 Sekunden. Sie ist eine einfache Möglichkeit, den eigenen Gesundheitszustand im Blick zu behalten, und lässt sich problemlos in die tägliche Zahnpflegeroutine integrieren.
Sie können die Zunge sanft mit einer normalen Zahnbürste abbürsten. Dadurch lösen sich Speisereste, und es wird erschwert, dass sich Mikroorganismen auf der rauen Oberfläche ansiedeln und vermehren.
Alternativ gibt es spezielle Zungenschaber. Diese gebogenen Hilfsmittel bestehen aus Metall oder Kunststoff und können allein verwendet werden – oder zusätzlich zum Bürsten mit der Zahnbürste.
Auch Ihr Umfeld profitiert: Zungenreinigung hilft gegen unangenehmen Mundgeruch. Zungenschaber entfernen besonders effektiv die Bakterien, die häufig für schlechten Atem verantwortlich sind und sich in den Vertiefungen der Zungenoberfläche verstecken.
Was ist das für ein Belag auf meiner Zunge?
Sie reinigen Ihre Zunge zweimal am Tag – und plötzlich fällt Ihnen etwas Ungewohntes auf. Solche Beobachtungen zu registrieren, ist der erste Schritt. Wenn Sie Veränderungen bemerken, die Sie beunruhigen, sollten Sie das mit Ihrer Hausärztin oder Ihrem Hausarzt besprechen.
Das könnte Ihre Zunge Ihnen anzeigen.
Weißer Belag
Ein weißer Belag auf der Zungenoberfläche zählt zu den häufigsten Veränderungen bei ansonsten gesunden Menschen. Das kann bereits auftreten, wenn man das Zähneputzen um die Zungenreinigung (Bürsten oder Schaben) ein paar Tage lang weglässt.
Dann sammeln sich Speisereste und Mikroorganismen an und es entsteht Plaque. Mit sanftem Bürsten oder Schaben lässt sich dieser Belag entfernen. Weniger Mikroorganismen bedeutet auch ein geringeres Risiko für chronische Infektionen, die auf andere Organe übergehen und schwere Erkrankungen auslösen können.
Gelber Belag
Das kann auf Mundsoor hinweisen – eine Pilzinfektion, bei der nach dem Abbürsten eine wunde, rohe Oberfläche sichtbar werden kann.
Mundsoor tritt häufiger bei älteren Menschen auf, die mehrere Medikamente einnehmen oder Diabetes haben. Auch Kinder und junge Erwachsene können nach einer Erkrankung betroffen sein, etwa durch eine vorübergehende Schwächung des Immunsystems oder durch die Einnahme von Antibiotika.
Bei Mundsoor wird in der Regel eine antimykotische Behandlung verordnet, meist als Kur über mindestens einen Monat.
Schwarzer Belag
Rauchen oder der häufige Konsum stark färbender Speisen und Getränke – zum Beispiel Tee und Kaffee oder Gerichte mit Kurkuma – kann zu einem „felligen“ Erscheinungsbild führen. Das wird als schwarze Haarzunge bezeichnet. Dabei handelt es sich nicht um Haare, sondern um eine übermäßige Vermehrung von Bakterien, was auf unzureichende Mundhygiene hindeuten kann.
Rosa Flecken
Rosa Areale, die von einem weißen Rand umgeben sind, können die Zunge wie eine Landkarte wirken lassen – das nennt man „Landkartenzunge“. Die Ursache ist nicht eindeutig geklärt; meist ist keine Behandlung erforderlich.
Schmerzen und Entzündung
Eine gerötete, schmerzhafte Zunge kann auf verschiedene Ursachen hinweisen, darunter:
- Nährstoffmängel, etwa Folsäure oder Vitamin B12
- Erkrankungen wie perniziöse Anämie, Kawasaki-Syndrom und Scharlach
- eine Entzündung, die als Glossitis bezeichnet wird
- Verletzungen durch heiße Getränke oder Speisen
- Geschwüre, darunter Herpesbläschen und Aphthen
- Mundbrennen (Burning-Mouth-Syndrom)
Trockenheit
Viele Arzneimittel können Mundtrockenheit verursachen, auch Xerostomie genannt. Dazu zählen Antidepressiva, Antipsychotika, Muskelrelaxanzien, Schmerzmittel, Antihistaminika und Diuretika. Ist der Mund stark ausgetrocknet, kann das schmerzhaft sein.
Und was ist mit Krebs?
Weiße oder rote Flecken auf der Zunge, die sich nicht abstreifen lassen, schon lange bestehen oder größer werden, sollten – ebenso wie schmerzlose Geschwüre – möglichst rasch von zahnärztlichem Fachpersonal untersucht werden. Im Vergleich zu anderen Bereichen der Mundhöhle ist das Risiko höher, dass sich daraus Krebs entwickelt.
Mundhöhlenkrebs hat wegen der oft späten Entdeckung niedrige Überlebensraten – und die Fallzahlen steigen. Deshalb ist es entscheidend, die Zunge auf Veränderungen von Farbe, Oberfläche, schmerzende Stellen oder Geschwüre zu kontrollieren.
Dileep Sharma, Professor and Head of Discipline – Oral Health, University of Newcastle
Dieser Artikel wurde unter einer Creative-Commons-Lizenz von The Conversation erneut veröffentlicht. Lesen Sie den Originalartikel.
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