Wer Tomaten auf die Waage legt oder ein Kilo Bananen in die Tüte packt, schaut fast automatisch aufs Preisschild. Bei vielen entsteht dabei der Eindruck: Ausgerechnet dieser Teil wird schneller teurer als der übrige Einkauf. Gleichzeitig zeigen Handelsdaten, dass frische Ware weiter stark nachgefragt wird – und den Supermärkten überraschend viel Umsatz einbringt.
Obst und Gemüse: kleines Produkt, riesige Umsatzmaschine
Frisches gehört für viele Haushalte fest dazu. 2025 kamen im Durchschnitt rund 163 Kilo Obst und Gemüse pro Haushalt zusammen – etwa 3 Prozent mehr als 2024. Pro Kilo wurden im Mittel 3,10 Euro an der Kasse bezahlt. Für die Ketten ist das längst weit mehr als ein bisschen „Vitaminenachschub“.
Gekauft werden dabei besonders oft einige wenige Standardsorten: Bananen, Äpfel, Orangen, Tomaten, Karotten, Zucchini. Genau diese Basisartikel sorgen dafür, dass Kundinnen und Kunden immer wieder in den Markt kommen. In großen Supermärkten kann der Frischebereich:
- bis zu ein Drittel des gesamten Umsatzes mit Frischwaren bringen
- und etwa 6 bis 8,5 Prozent des Gesamtumsatzes eines Hypermarktes ausmachen
Damit wird Obst und Gemüse zu einer zentralen Stellgröße für die Bilanz. Zugleich lässt sich hier der Preis besonders gut „steuern“ – auch, weil es weniger direkte Vergleichsmöglichkeiten gibt als bei bekannten Markenartikeln.
Warum Obst und Gemüse überhaupt so teuer wirken
Bevor eine Tomate im Regal landet, fallen tatsächlich Kosten an. Obst und Gemüse ist arbeitsintensiv: Ernten, Sortieren, Verpacken – vieles wird per Hand erledigt. Dazu kommen Transport, Kühlung sowie der Anteil, der im Laden nicht verkauft wird, verdirbt und am Ende entsorgt werden muss.
Diese Faktoren sorgen dafür, dass ein Kilo nicht dauerhaft für einen Euro angeboten werden kann. Gerade empfindliche Produkte wie Beeren oder Salate verursachen schnell Verluste, sobald die Nachfrage schwankt oder das Wetter die Ernte durcheinanderbringt.
Obst und Gemüse sind kostspielig in der Erzeugung – trotzdem erklärt das nicht jede Preisspanne im Supermarkt.
Trotz der realen Aufwände gibt es bei manchen Artikeln auffällige Abstände zwischen Einkaufs- und Verkaufspreis. An dieser Stelle setzt die Preispolitik großer Handelsketten an.
Wie Supermärkte mit Obst und Gemüse andere Bereiche quersubventionieren
Bei bekannten Markenprodukten – Waschmittel, Cola, Schokoriegel – stehen die Händler unter starkem Preisdruck. Solche Preise lassen sich schnell per App oder über Prospekte vergleichen. Entsprechend niedrig sind dort die Margen häufig, teils fast bei null.
Um trotzdem profitabel zu bleiben, arbeiten viele mit Quersubventionierung. Heißt: Einige Sortimente dienen als Lockangebote, andere gleichen die fehlende Marge wieder aus. Obst und Gemüse passt ideal in dieses Modell, weil Kundinnen und Kunden seltener jeden Cent pro Kilo zwischen Märkten abgleichen.
Studien finden bei Obst und Gemüse im Handel oft eine Bruttomarge zwischen 25 und 50 Prozent. Die Unterschiede je nach Produkt sind deutlich:
- Lockprodukte wie Bananen oder Karotten: meist sehr knapp kalkuliert, häufig Teil von Werbung
- Exotische Früchte oder Beeren: spürbar höhere Aufschläge
- Vorgeschnittene Ware wie Obstsalat in Schalen oder fertige Salatmischungen: besonders hohe Margen
In Untersuchungen tauchten etwa Kartoffeln auf, die der Handel für ein paar Cent pro Kilo einkaufte und anschließend für über einen Euro weiterverkaufte. Genau in solchen Fällen entsteht das sprichwörtliche „Melkprodukt“ im Supermarkt.
Warum Obst und Gemüse durchaus günstiger sein könnten
Ein Teil des Preises hängt damit nicht nur an Löhnen und Transport, sondern auch an internen Kalkulationen. Wenn Ketten in einem Segment 40 Prozent Bruttomarge erzielen, wären rein rechnerisch mehrere Cent pro Kilo weniger möglich.
Schon wenige Prozentpunkte weniger Handelsspanne könnten für Familien merkbar sein – besonders bei Wochenkäufen.
Vergleiche typischer Einkaufswagen zeigen außerdem: Wochenmärkte und Direktverkauf ab Hof liegen bei saisonaler Ware im Schnitt rund 6 Prozent unter den Preisen der großen Ketten. Besonders bei regionalem Obst und Gemüse fällt dieser Unterschied auf.
Viele scheitern an der 5-am-Tag-Empfehlung – wegen des Preises
Hinzu kommt ein Ernährungsproblem: Rund 36 Prozent der Menschen sagen, sie schaffen die bekannte Empfehlung „fünf Portionen Obst und Gemüse am Tag“ nicht. Als wichtigster Grund wird der Preis genannt. Wer streng rechnen muss, greift eher zu Nudeln, Toast oder Fertigprodukten.
So stehen sich zwei Ziele gegenüber: Öffentlichkeitskampagnen werben für mehr frische Lebensmittel, während die Preisgestaltung sie für viele Haushalte schwerer erreichbar macht.
Welche politischen und praktischen Ansätze diskutiert werden
Unter Fachleuten werden verschiedene Wege diskutiert, um die Situation zu verbessern. Genannt werden unter anderem:
- Begrenzung der Margen auf einen festen Warenkorb mit Basisprodukten wie Äpfeln, Karotten, Zwiebeln, Kartoffeln
- Transparente Aufschlüsselung, welcher Anteil des Preises beim Erzeuger landet und welcher beim Handel bleibt
- Geänderte Rabattstrategien: weniger Aktionen für Süßgetränke und Snacks, mehr für frische Ware
Ob und in welcher Form solche Vorschläge umgesetzt werden, ist offen. Der Handel warnt vor Eingriffen in die Preisfreiheit, während Verbraucherschützer genau solche Eingriffe verlangen.
Was Käufer heute schon tun können
Auch ohne neue Regeln lässt sich der eigene Einkauf spürbar günstiger gestalten. Einige Stellschrauben liegen direkt im Verhalten beim Einkauf:
- Saisonware bevorzugen: Erdbeeren im Juni kosten weniger als im Februar aus dem Gewächshaus.
- Preise pro Kilo vergleichen: Stückpreise oder bunte Aufkleber lenken oft ab.
- Supermarkt und Markt kombinieren: Wer beides nutzt, kann gezielt dort kaufen, wo bestimmte Produkte günstiger sind.
- Fertigprodukte meiden: Geschnittenes Obst oder Salatmischungen im Beutel sind bequem, aber deutlich teurer.
- Regionale Ware im Blick behalten: Kurze Wege reduzieren Transportkosten – das zeigt sich häufig im Preis.
Gerade Familien, die regelmäßig größere Mengen mitnehmen, merken schon kleine Abstände. Wer wöchentlich 5 bis 7 Kilo Frischware kauft, kommt bei 30 Cent Unterschied pro Kilo übers Jahr gerechnet auf einen spürbaren zweistelligen Betrag.
Warum Märkte und Hofläden oft günstiger wirken – und wann sie es wirklich sind
Direktvermarkter arbeiten mit anderen Kostenstrukturen. Zwischen Betrieb und Kundschaft stehen häufig weder Großlager noch Zentrale, und die Transportketten sind kürzer. Das ermöglicht teilweise attraktivere Preise – vor allem bei großen Mengen und in saisonalen Spitzen.
Allerdings lohnt sich auch dort der genaue Blick. Manche Hofläden setzen bewusst auf ein Premium-Profil, kalkulieren höhere Löhne und kleinere Stückzahlen ein. Dann dreht sich der Vorteil um, und der Supermarkt liegt plötzlich vorne.
Wer Preise wirklich vergleichen will, sollte sich nicht vom Ambiente leiten lassen, sondern von der kleinen Zahl auf dem Kilopreisschild.
Worauf es künftig ankommt
Obst und Gemüse bleibt damit ein Spannungsfeld: Für den Handel ist der Frischebereich ein wichtiger Gewinnträger, für viele Haushalte ein schmerzhafter Budgetposten. Schon kleine Änderungen in der Kalkulation könnten viel bewegen – sowohl beim „Vitaminverbrauch“ als auch in den Kassen der Märkte.
Wer heute stärker auf Saison, Herkunft und Kilopreis achtet, nimmt der stillen Quersubventionierung etwas Wirkung. Langfristig dürfte es eine Mischung aus politischem Druck, mehr Transparenz und bewusstem Einkaufsverhalten brauchen, damit ein voller Korb mit Obst und Gemüse nicht mehr wie Luxus wirkt.
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